„Wir wollen Leben retten“

Eine Klappe, hinter der ein geheiztes Kinderbett steht. Seit 25 Jahren können Mütter in vielen Städten dort ihre Babys anonym ablegen. Seriöse Zahlen dazu, wie oft das passiert, gibt es nicht. Aber: Der von Kritikern befürchtete Andrang blieb aus.
Baby liegt in einem Bett

Eine Eisentreppe an der Rückseite des St. Vinzenz-Krankenhauses in Hanau führt einige Stufen nach oben. Dort, in einer kaum einsehbaren Nische, steht in roten Buchstaben das Wort „Babyklappe“. Sie öffnet sich, wenn jemand den Knopf links daneben drückt. Hinter der Klappe steht ein Wärmebett, die Decke hat einen Bärchenaufdruck. „Meist werden die Kinder in ein Tuch gewickelt auf der Decke abgelegt“, sagt Schwester Annette Biecker vom Seelsorgeteam des Krankenhauses dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zehn Minuten nachdem die Klappe geschlossen wurde, ertönt in der Ambulanz ein Signal. Das Baby wird geholt und untersucht, die Suche nach Adoptiveltern beginnt.

Vor 25 Jahren, am 8. April 2000, hat der Verein „SterniPark“ in Hamburg die erste Babyklappe in Deutschland eröffnet, und zwar an einer Kita. Anlass war damals der Fund einer Babyleiche in einer Hamburger Recyclinganlage. Die Idee fand viele Nachahmer, rund 100 gibt es Schätzungen zufolge mittlerweile in Deutschland, genaue Zahlen fehlen. Seit Eröffnung der Babyklappe „haben wir 56 Leben gerettet“, teilt „SterniPark“ auf seiner Internetseite mit.

Die erste Babyklappe in einem Krankenhaus geht auf die Initiative von Gabriele Stangl zurück. Die Pastorin und Seelsorgerin am Berliner Krankenhaus Waldfriede hatte mit einer alten Frau gesprochen, die ihr berichtete, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges ihr Baby im Wald abgelegt zu haben. Sie war vergewaltigt worden, hatte zwei Kinder und ihr Mann war in Gefangenschaft. „Sie konnte sich niemals verzeihen, was sie getan hat“, erinnert sich Stangl.

Erste Babyklappe im Jahr 2000

Wenig später habe ein Diakon mit einer schwangeren Prostituierten vor ihr gestanden. „Sie war verzweifelt, weil sie Angst hatte, dass ihr Zuhälter das Kind verkauft“, sagt Stangl. Die Pastorin wollte helfen, eventuell mit der Vermittlung einer anonymen Geburt. „Das ist illegal“, habe ihr ein Arzt gesagt und Hilfe abgelehnt. Stangl hatte die Schicksale der alten Frau und der Prostituierten im Hinterkopf, als sie von der Babyklappe in Hamburg hörte. „Ich wollte nie wieder so verzweifelte Menschen wegschicken“, sagt sie. Das verbiete ihr auch ihr Glaube.

Nach Überzeugungsarbeit der Seelsorgerin eröffnete die Babyklappe im Haus Waldfriede im September 2000. Entgegen der Annahme von Kritikern, dass man es den Müttern zu leicht mache und die Frauen bald „Bauch an Bauch stehen“ würden, um ihre Kinder abzugeben, waren es bis zu ihrem Abschied im Jahr 2017 insgesamt 26 Kinder, sagt Stangl.

Schlimm war, als 2002 ein ermordetes Baby in der Klappe lag. Gabriele Stangl ist noch heute überzeugt, dass nicht die Mutter die Täterin war. Die Presseberichte über das „Daniel Simson“ genannte Kind gingen um die Welt.

Mit großer Freude hingegen erinnert sich Stangl an einen Jungen, der im selben Jahr abgegeben worden war. Drei Tage später stand ein junges Paar vor ihr, sie 17 Jahre alt, er 18. Sie beteuerten weinend, die Eltern zu sein. Nachdem die Mutterschaft festgestellt worden war, nahmen sie das Kind mit. Das Jugendamt wurde zur Unterstützung eingeschaltet und die Großeltern packten mit an.

Sie habe oft erlebt, dass Mütter sich das Leben mit dem Kind zutrauen, wenn sie in ihrer Not gehört werden und Hilfe bekommen, sagt Stangl. Sie habe auch viele Frauen betreut, die später zu anonymen Geburten ins Krankenhaus gekommen seien. Ein Drittel von ihnen habe das Kind am Ende behalten, die anderen haben es zur Adoption freigegeben. „Aber die Geburt war sicher und das Kind wurde betreut“, betont Stangl.

Die Pastorin im Ruhestand hat noch heute Kontakt zu einigen Kindern. „Sie sollen wissen, was passiert ist“, sagt sie und unterscheidet zwischen der „Bauch-Mama“ und der „Herz-Mama“: „Das Kind ist bei beiden gewachsen, das kann man erklären.“

Manchmal kommt die leibliche Mutter zurück

„Es ist Teil ihrer Identität“, sagt auch Florian Hillenbrand von der Adoptionsvermittlung des Sozialdienstes katholischer Frauen in Fulda, der die Kinder aus der Babyklappe in Hanau vermittelt. Die Babyklappe sei Teil der Herkunftsgeschichte eines Kindes. „Wissen ist für die Kinder besser einzuordnen als eine Ahnung oder gar die Fantasie.“ Manche Menschen könnten damit in ihrem weiteren Leben sehr gut umgehen, für andere sei es eine große Verletzung.

Der Sozialdienst katholischer Frauen betreibt auch zwei Babyklappen in Fulda und Kassel. Dort sowie in Hanau seien seit 2001 insgesamt 49 Kinder abgegeben worden. 42 wurden später adoptiert, sieben Kinder kamen zurück zu den leiblichen Müttern.

Das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung ist ein Grundrecht, darauf verweisen Kritiker der Babyklappen. Denn für die Kinder aus einer Babyklappe ist das in den allermeisten Fällen nicht einzulösen. Anders ist es bei einer gesetzlich geregelten vertraulichen Geburt, bei der Frauen seit 2014 medizinisch sicher und zunächst anonym entbinden können: Die Daten der Mutter werden hinterlegt und das Kind kann ab dem Alter von 16 Jahren eine Auskunft verlangen.

Wie groß die Belastung sein kann, nichts über die eigene Herkunft zu wissen, gar keinen Bezug dazu haben, weiß auch Marion Meister vom Sozialdienst katholischer Frauen, die an der Einrichtung der Babyklappe in Hanau mitgewirkt hat. Im Wärmebett im St. Vinzenz-Krankenhaus liegt deshalb ein Brief an die Mutter in mehreren Sprachen. Darin stehen Hinweise, wo sie Hilfe für sich finden kann, und die Bitte, dem Kind etwas mitzugeben: einen Gruß, eine Nachricht, ein Schmusetier. „Wir wollen Leben retten“, betont Meister. Gleichzeitig freuten sich alle, wenn das Kind etwas von der leiblichen Mutter bekomme.

epd
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