Theologe Körtner: Österreich keine Blaupause für Deutschland

Der österreichische Theologe Ulrich Körtner rät von Vergleichen zwischen FPÖ und AfD ab. Außerdem sieht er die christliche Prägekraft auf die Politik auf dem Rückgang.
Prof. Dr. Ulrich Körtner, Jahrgang 1957, ist Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er hat zudem zwei Ehrendoktortitel.

Mit Blick auf die voraussichtliche Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen FPÖ in Österreich warnt der Wiener Theologe Ulrich Körtner davor, voreilig Parallelen mit der Situation in Deutschland zu ziehen. „Die politische Landschaft in beiden Ländern ist zu unterschiedlich“, sagte der Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die FPÖ sei in Österreich bereits seit Jahrzehnten etabliert und habe mehrfach Regierungsverantwortung getragen. Ihre rechtsextremen Tendenzen stellten gleichwohl eine ernste Gefahr für Österreich und Europa dar. Am Montag hatte Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen den rechtsnationalen Politiker und FPÖ-Chef Herbert Kickl mit der Regierungsbildung beauftragt.

Körtner mahnte, die historischen und politischen Kontexte beider Länder zu berücksichtigen und warnte vor vereinfachenden Schlussfolgerungen. Die jetzige Situation sei entstanden, weil alle Parteien eine Regierung mit Kickl kategorisch ausschlossen: „Das genaue Gegenteil ist eingetreten.“ Die FPÖ ist mit fast 29 Prozent stärkste Kraft geworden, die ÖVP hat mit rund 26 Prozent ihr schlechtestes Wahlergebnis in der Geschichte eingefahren. Die SPÖ liegt bei rund 21 Prozent. Die ehemals staatstragenden Parteien, die lange die Große Koalition gebildet haben, also ÖVP und SPÖ, sind Körtner zufolge „im Grunde ideologisch ausgelaugt, aber auch in ihrer Pragmatik“.

Einfluss des Christentums schwindet

Körtner äußerte sich zudem vorsichtig zu Vergleichen zwischen FPÖ und AfD. Die FPÖ sei mit der AfD verschwistert, aber die FPÖ habe eine andere Entstehungsgeschichte als die AfD. „Es gibt einen Strang in der Geschichte der FPÖ, der geht zurück auf die 1848er Revolutionszeiten.“ Zudem sei die FPÖ in der Fläche schon lange vertreten. Es gebe viele FPÖ-Bürgermeister und die Partei sei momentan in fünf Landesregierungen mit vertreten. In der Steiermark stelle die FPÖ erstmals den Landeshauptmann. Das habe es zuletzt in Kärnten mit Jörg Haider (1950-2008) vor Jahrzehnten gegeben.

Insgesamt nehme auch der Einfluss der Kirchen und der christlichen Prägekräfte in der österreichischen Gesellschaft und Politik dramatisch ab, räumte Körtner ein. Kirchenpolitisch bedeutsam sei, dass der christlich soziale Flügel in der ÖVP, der sich auf die katholische Soziallehre gestützt haben, „völlig marginalisiert ist“. Von den ganzen christlichen Inhalten sei bei der ÖVP nicht mehr viel übrig geblieben.

Für viele sei die innere Verbindung zum Christentum weggebrochen, sagte Körtner weiter. Unabhängig davon, wie jetzt diese Koalitionsverhandlungen laufen und ob Kickl am Ende Kanzler wird oder nicht: „Der Einfluss des Christentums, ob nun katholisch oder evangelisch, der ist spürbar zurückgegangen.“ Für Deutschland wäre das in manchem vergleichbar.

epd
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