Nicht erst seit der breiten Debatte über eine Neuregelung des assistierten Suizids in Deutschland ist Selbstmord ein Thema in der Presse, im Film und auf der Theaterbühne. In der Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ aus dem Jahr 2017 dreht sich die Handlung ganzer vier Staffeln um den Suizid einer Schülerin. Der verfilmte Liebesroman „Ein ganzes halbes Jahr“ handelt vom Sterbewunsch eines Querschnittsgelähmten. Sogar im „Tatort“ seien Suizide häufig Teil der Geschichte, sagt Medienpsychologe Frank Schwab.
Er ist einer der Experten des „Nationalen Suizidpräventionsprogramms“, einer Organisation, die sich anlässlich solcher fiktiven Inhalte dafür einsetzt, dass Medienschaffende sensibel mit dem Thema Suizid umgehen. Zwar sei er gegen eine Tabuisierung, wohl aber dafür, dass Theater- und Filmemacher Handwerkszeug mitbekommen, das ihnen dabei hilft, Selbstmord angemessen darzustellen, sodass Nachahmungstaten verhindert werden, sagte er am Mittwoch bei einer Pressekonferenz.
Werther-Effekt vermeiden
Bekannt ist das Phänomen als „Werther-Effekt“, benannt nach dem Buch „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang von Goethe. Nach dessen Veröffentlichung im Jahr 1774 soll es gehäuft zu Suiziden gekommen sein, die dem im Buch dargestellten ähnelten. Ein trauriger Selbstmordtrend, ausgelöst durch eine Erzählung.
Damit sich so etwas nicht wiederholt, galt lange die Empfehlung an Medienschaffende, das Thema nicht zu behandeln. Und wenn doch, dann ohne Nennung von Details und mit Hinweisen auf entsprechende psychiatrische Hilfsangebote.
Laut Psychologe Georg Fiedler vom „Nationalen Suizidpräventionsprogramm“, ist das überholt. Heute sei „nicht mehr die Frage, ob über Suizid berichtet werden darf, sondern wie“. Eine öffentliche Auseinandersetzung über das Thema sei ausdrücklich erwünscht. Denn dann, so ist er sich mit anderen Fachleuten einig, wagten es suizidgefährdete Menschen eher, über ihr Problem zu sprechen. In dem Wissen, dass sie nicht alleine sind.
Orte unkenntlich machen, nicht romantisieren
Wie aber umgehen mit diesem schwierigen Thema, das im Zweifel sogar Menschenleben kosten kann? Um das Kulturschaffenden zu erleichtern, gibt es jetzt die Broschüre „Suizidprävention – Empfehlungen für Film-, Fernseh- und Theaterschaffende“. Erstmalig ist das einst von der Weltgesundheitsorganisation auf Englisch herausgegebene Papier auch auf Deutsch zu haben, ergänzt durch neuere Fakten und Fachkenntnis. Denn nicht nur Fiedler und Schwab haben festgestellt, dass sich die Fragen von Theater- oder Filmemachern zur Darstellung von Selbstmorden gehäuft hätten.
Zu ihnen gehört auch Anette Kaufmann. Als TV-Produzentin ist sie etwa verantwortlich für den Film „Flügel aus Beton“, der 2022 in der ARD lief. Darin nimmt sich die Schülerin Mia das Leben, ihre Lehrerin geht dem dramatischen Fall nach. Kaufmann zog bei der Produktion Frank Schwab als Berater hinzu. Der gab wichtige Tipps, etwa dass der Ort des Suizids unkenntlich gemacht werden solle, damit Nachahmer im echten Lieben nicht dorthin gehen könnten. Oder, dass der Suizid nicht romantisiert werde, stattdessen eher abschreckend dargestellt. In diesem Fall durch einen unangenehmen Soundeffekt, wenn das Mädchen nach seinem Sprung aus großer Höhe auf dem Boden aufschlägt. „Sodass der Zuschauer merkt: Das tut weh“, sagt Kaufmann.
Zu Schwabs Empfehlungen zählt auch, das Leid der Angehörigen zu thematisieren. Den Suizid nicht explizit zu zeigen. Positive Gegenfiguren zu schaffen, an denen sich der Zuschauer orientieren kann. Und Disclaimer einzublenden, erstens vor dem Film, damit jeder weiß, dass es im Folgenden um einen Selbstmord geht. Und zweitens wiederkehrend den Hinweis auf Seelsorgeangebote für Betroffene.
Zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen
Denn Suizide sind kein Randphänomen. Weltweit gibt es laut Broschüre jährlich etwa 800.000 davon, allein in Deutschland im Jahr 2022 mehr als 10.000. Bei den 15- bis 29-Jährigen war Selbstmord in jenem Jahr die zweithäufigste Todesursache.
Was die Fachleute Medienschaffenden beim Thema Suizid empfehlen, gilt auch beim assistierten Suizid, über den in nicht allzu ferner Zukunft wohl auch der Deutsche Bundestag wieder diskutieren wird. Die Broschüre rät: „Auch bei dem Thema schwerster Erkrankungen und Sterben könnte die Darstellung eines würdevollen Sterbens ohne Suizidassistenz andere Wege aufzeigen und der Vorstellung des Suizids als eine normale Art des Sterbens entgegenwirken.“ Eine Empfehlung, die wohl auch in der politischen Debatte gelten dürfte. Denn, so die Experten: „Ausweglosigkeit ist eine subjektive Vorstellung, die durch neue Erfahrungen auch aufgelöst werden kann.“