Püttmann bezeichnete als spezifische Versuchungen die Erfahrung eigener Macht als „Vierter Gewalt“, die relativ große Freiheit eines Berufs ohne feste, sanktionsbewährte Normierungen, die Eitelkeit unter dem Flutlicht der Öffentlichkeit, den Zynismus angesichts häufiger Konfrontation mit Leid, menschlichen Schwächen und Boshaftigkeiten, die Oberflächlichkeit unter wachsendem Arbeitsdruck sowie die Neigung, dem Quotendruck und Auflagenschwund durch die Bedienung primitiver Reize zu begegnen.
Unter Hinweis auf Max Webers berühmten Vortrag „Politik als Beruf“, der den Journalisten dem Politiker-Typus zurechnet und als dessen „Todsünde“ die „Distanzlosigkeit“ ausmacht, riet Püttmann zu kritischer Selbstdistanz. Wichtig sei auch der Mut zu innerer Unabhängigkeit, Gewissenhaftigkeit im Recherchieren und Urteilen sowie Gerechtigkeit gegenüber unterschiedlichen Positionen. Gegen die Tendenz zum „Rudeljournalismus“ schlug er eine „antizyklische“ Haltung vor: Statt bequeme Mehrheitsmeinungen in ihrer kulturellen Hegemonie zu unterstützen, gelte es auch, qualifizierten Minderheiten Gehör zu verschaffen und so den gesellschaftlichen Diskurs offen, frei und innovativ zu halten. Umfragen zeigten, dass die Menschen durchaus moralische Erwartungen an die Medienelite hätten; das Berufsimage sei allerdings aufgrund zahlreicher öffentlicher Fehlleistungen nicht gerade hoch. (pro)