In seinem neuen Buch „Ausgeträumt – Die Lüge vom sozialen Staat“ fordert der Gründer des christlichen Hilfswerks „Die Arche“, Bernd Siggelkow, das Ende „gießkannenartig“ verteilter Sozialleistungen wie Kinder- und Betreuungsgeld. Stattdessen solle der Staat Kindern in Armut gezielt helfen – etwa durch Mikrokredite. Eine Rezension von Anna Lutz
Bernd Siggelkow fordert in seinem neuen Buch eine gerechtere Sozialpolitik
In ihrem Buch werfen Siggelkow und Mitautor Martin P. Danz einen Blick auf die Lebenswirklichkeit vieler Kinder in Deutschland und machen Vorschläge zur Verbesserung ihrer Umstände. „Geben wir Deutsche, die wir sonst so auf Qualität bedacht sind, uns also in Sachen Kinder nur noch mit einem passablen Status quo zufrieden?“, fragen die Autoren angesichts 2,5 Millionen Kindern, die derzeit in Einkommensarmut leben. Anschaulicher wird das Ganze durch dieses Beispiel: „Unserem Auto gönnen wir für seine Unterbringung ca. 18 Quadratmeter Garagenraum und wir ‚fördern’ es mit einem monatlichen Unterhalt von etwa 593 Euro. Unser Nachwuchs hingegen hat durchschnittlich einen ‚Bewegungsspielraum’ von 5 bis 8 Quadratmetern und 7- bis 12-Jährige ‚kosten’ uns im Schnitt 568 Euro pro Monat.“
Gegen dieses Ungleichgewicht schlagen sie ein simpel klingendes Mittel vor: „Wir müssen als Gesellschaft, die Teil eines sozialen Staates ist, das Zusammenleben wiederentdecken. Wir müssen füreinander da sein!“ So dürfe es heutzutage etwa kein Problem mehr sein, wenn alleinerziehende Mütter arbeiten gehen wollten. Das erfordere aber das Mitwirken von Firmen. „Und damit meinen wir nicht nur das gängige Modell, einen Halbtagsjob auszuüben, während das Kind in Obhut des Kindergartens steckt.“
Betreuungsgeld und andere „überflüssige Sozialleistungen“
An die Politik wendet sich Siggelkow mit der Forderung, ihre Instrumente eingehender zu prüfen. Geradezu „gießkannenartig“ verteile der Staat Gelder, anstatt das Umfeld von Familien und Alleinerziehenden positiv zu stärken und Infrastrukturen für eine wohltuende Entwicklung der Kinder bereitzustellen: „Am Beispiel des Betreuungsgeldes wird deutlich: Die ganzheitlichen Folgen – der unzureichende Kita-Ausbau oder die Minijobs als Ganzes – können gesellschaftlich nicht gewollt sein.“ Wer ein hohes Einkommen habe, benötige zudem kein Kindergeld, ebensowenig wie Zuschüsse zum Hausbau. „Die Liste überflüssiger Sozialleistungen ist allem Anschein nach lang.“
Als langfristiges Mittel zur Unterstützung der Ärmeren schlagen die Autoren Mikrokredite vor. „Dem Betroffenen müssen Verantwortung und Vertrauen geschenkt werden. Wie unsere Kinder in der Arche muss der Betroffene spüren, dass er es wert ist, Verantwortung übertragen zu bekommen. Des Weiteren liegt in der Idee der Mikrokredite der Gedanke des Investments in einen Menschen, in seine Vision und den Glauben daran, dass etwas Gutes daraus entsteht.“ Außerdem müsse freiwilliges soziales Engagement von Firmen selbstverständlich werden. So, wie zum Beispiel die Bild-Zeitung der Arche 2012 geholfen habe, eine Turnhalle zu renovieren, könnten auch andere Häuser einen „Social-Day“ einführen und Soziale Einrichtungen durch Gelder unterstützen.
Neben diesen langfristigen Impulsen plädieren die Autoren auch für einige Sofortmaßnahmen: Ein Familienwahlrecht, damit Kinder eine politische Stimme bekommen. Die Ansparung von 0,9 Prozent des Bundeshaushalts und dessen Umlegung in Trusts für jedes einzelne Kind bis zum 21. Lebensjahr. Die Finanzen sollen zweckgebunden der Lebensbefähigung des Kindes dienen. Als junge Erwachsene sollen sie dann Mikrokredite erhalten.
Große Träume statt „Ausgeträumt“
Auch wenn sich „Ausgeträumt – Die Lüge vom sozialen Staat“ nicht gerade wie ein spannender Krimi liest, bieten die Autoren einige Überraschungen. Eine beherzte Kritik am Betreuungsgeld etwa ist gerade aus christlicher Perspektive eher selten. Auch den Einsatz von Mikrokrediten dürften die meisten, wenn überhaupt, eher aus entwicklungspolitischem Zusammenhang kennen. Ist Deutschland also Entwicklungsland in Sachen Kinderrechte? Siggelkow würde diese Frage sicherlich bejahen und er erhält Unterstützung durch eine Organisation, die wie die „Arche“ zu den bekanntesten christlichen Hilfswerken im deutschsprachigen Raum zählt: World Vision. Erst vor zwei Wochen veröffentlichte sie in Berlin ihre Kinderstudie und stellte ebenfalls fest: Gerade Kinder aus unteren Schichten erleben Bildungsarmut. In den vergangenen Jahren hat sich laut den Forschern von TNS Infratest in diesem Bereich nichts zum Besseren gewendet.
Finanzieller Mangel geht also in vielen Fällen mit einem edukativen einher. Und der Staat ist bisher machtlos dagegen. Deshalb ist es gut, dass Stimmen wie die von Bernd Siggelkow gehört werden. Auch wenn einige der von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen, etwa die Anlegung eines Kindertrusts oder die Einführung des Familienwahlrechts, aus heutiger Sicht zumindest noch einen langen Weg vor sich haben, bis sie politisch realisiert werden könnten: Jene, die jeden Tag mit Menschen arbeiten, denen der Staat bisher nur wenig helfen konnte, müssen groß träumen dürfen, selbst wenn die Politik nicht alle ihre Forderungen erfüllen wird. Aber wer weiß – bis zur Realisierung von Mikrokrediten und Social-Days in Deutschlands Wirtschaftselite ist der Weg vielleicht nicht ganz so weit. (pro)
Bernd Siggelkow, Martin P. Danz: „Augeträumt – Die Lüge vom sozialen Staat“, adeo, 240 Seiten, 17,99 Euro, ISBN: 9783942208017
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