„Je länger der Krieg dauert, desto tiefer wird die Kluft“

Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche stellen sich immer wieder eindeutig hinter Wladimir Putin und den Krieg gegen die Ukraine. Doch wie ist die Lage evangelikaler Christen in der Region und welche Hoffnung haben sie?
Von Johannes Blöcher-Weil
Patriarch Kyrill macht aus seiner Zustimmung zu Putins Politik keinen Hehl

Rolf Zeegers ist als Analyst Teil der Forschungsgruppe „World Watch Research“ der christlichen Menschenrechtsorganisation „Open Doors“. Er beschäftigt sich intensiv mit der Rolle der Christen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Gegenüber PRO gibt er einen Einblick, wie die russischen Christen den Krieg sehen.

Herr Zeegers, wie ist die Lage evangelikaler Christen in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine?
Evangelikale Christen werden überwacht. Sie müssen sehr vorsichtig sein mit dem, was sie sagen oder schreiben. Sie wissen auch, dass sie sich nicht gegen den Krieg aussprechen dürfen. In Luhansk etwa werden protestantische Kirchenleiter und ihre Familienangehörigen besonders schikaniert und bedroht. Auch in Donezk werden die Aktivitäten der evangelischen Kirchen streng überwacht und behindert. Im Zuge des Krieges sind viele Kirchen, Friedhöfe und andere religiöse Gebäude beschädigt worden, auch wenn das nicht speziell religiös motiviert war. Die einzige verbotene religiöse Gruppe sind übrigens die Zeugen Jehovas.

Der russische Krieg findet mit dem Segen der Kirche statt: Warum ist das so?
Das Moskauer Patriarchat der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) ist mit dem Krieg, den die russische Regierung derzeit in der Ukraine führt, völlig einverstanden. Aus ihrer Sicht hat sich die Ukraine durch den Einfluss des Westens von den christlichen Werten und Grundsätzen entfernt, während das Putin-Regime diese noch immer voll unterstützt. Für Patriarch Kirill handelt es sich um einen heiligen Krieg. Der zweite Zweig der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU), der 2018 vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus Autonomie erhalten hat, unterstützt den ukrainischen Standpunkt. Diese tiefe Kluft in der orthodoxen Gemeinschaft gibt es aber schon länger als den Krieg.

Als Außenstehender hat man den Eindruck, dass die russische Kirche Öl ins Feuer gießt, anstatt den Konflikt zu befrieden.
Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass sie nicht versucht, den Krieg zu beenden. Ich weiß nicht, ob sie damit Öl ins Feuer gießt. Ihre Unterstützung für den russischen Krieg führte dazu, dass die ukrainische Regierung den ukrainischen Zweig der ROK im September 2024 verboten hat, auch wenn er sich nach Beginn des Krieges von Moskau lossagte.

Wie beurteilen die Christen an der Basis den Krieg?
Das hängt stark davon ab, wo sie leben. Wenn es ukrainisch kontrollierte Gebiete sind, dann plädieren sie natürlich eher für die ukrainische Unabhängigkeit. Sie betrachten die Russisch-Orthodoxe Kirche und das Moskauer Patriarchat als Verräter. In den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine oder in Russland selbst wagen es die meisten Menschen nicht, sich gegen Russland oder den Krieg auszusprechen. Hier unterstützen sie die ROK, während sie die OKU blockieren.

Warum ist das so?
Die orthodoxe Gemeinschaft ist tief gespalten. Das hat mit Nationalismus zu tun. Seit 2014 hat sich die Ukraine von Russland entfernt und strebt die vollständige Unabhängigkeit an. Dies entsprach aber nicht der russischen Ideologie. Russland betrachtet dies als westliche Einmischung: dekadent, antichristlich. Das Land reagierte schnell, indem es zunächst die Krim annektierte, dann die Region Donbas zur Abspaltung von der Ukraine anregte und schließlich am 24. Februar 2022 den Krieg begann.

In welchem Zustand befinden sich die Gemeinden in der Ukraine?
Nicht nur die orthodoxen Christen sind mit viel Leid konfrontiert. Durch die täglichen Bombardierungen müssen die Menschen oft in Schutzräumen leben. Alle Christen leiden unter dem Krieg. Aber es ist nicht so, dass Christen gezielt angegriffen werden. Das größte Problem liegt innerhalb der orthodoxen Gemeinschaft. Je länger der Krieg dauert, desto tiefer wird die Kluft werden. Für viele Ukrainer ist die ROK nicht mehr vertrauenswürdig.

Gibt es Hoffnungsschimmer für die Christen vor Ort?
Die Menschen leben in Angst, weil kein Ort in der Ukraine sicher ist. Die Drohnen-Angriffe der Russen treffen sogar Städte im äußersten Westen der Ukraine. Dazu kommt, dass die amerikanische Regierung die Ukraine unter Druck setzt, ein Friedensabkommen mit Russland zu schließen. Die ukrainische Regierung ist zwar zu Verhandlungen bereit, aber nicht zu einer vollständigen Kapitulation vor Russland. Die russische Regierung macht aber unmissverständlich klar, dass sie in den Verhandlungen keinen Millimeter nachgeben wird. Ihr Ziel ist der vollständige Sieg. Die ukrainischen Christen hoffen auf ein baldiges Kriegsende, damit sie ihr normales Leben wieder aufnehmen können. Ich muss zugeben, dass solche Hoffnungen im Moment nicht sehr realistisch sind.

Was gibt Ihnen persönlich in der aktuellen Situation Hoffnung?
Ich hoffe, die russische Regierung wird verstehen, wie unmenschlich ihr Krieg ist. Bislang habe ich keinerlei hoffnungsvolle Anzeichen für ein baldiges Kriegsende gesehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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