Wegen wirtschaftlicher und diplomatischer Krisen befinde sich Europa in einem „mentalen Erschöpfungszustand“. Deshalb seien der Islam und andere Religionen derzeit erfolgreich. Mit Blick auf die Ukraine sagte er: „Immer wenn es Leichen gibt, folgt der Versuch, Menschen zu bekehren.“ Krisen seien ein „Segen für Islamisten“. Sansal sprach von einem „Eroberungszug“ des Islam. Der Islamismus sei überall auf dem Vormarsch. Früher habe man geglaubt, die arabische Welt werde sich durch den Einfluss Europas demokratisieren. Doch das Gegenteil sei geschehen. „Europa muss wieder zum Wegbereiter von Werten werden“, sagte er bei einer Lesung im Berliner Institut Francais.
Muslime in der westlichen Welt rief er dazu auf, sich vom Glauben in ihren Herkunftsländern zu emanzipieren. „Wir müssen ihnen sagen, dass sie sich befreien müssen“, forderte der Schriftsteller. Zugleich erklärte er aber, er halte den Islam für nicht reformierbar, weil die Trennung von Glaube und Staat im Koran nicht angelegt sei. „Die muslimische Welt muss sich revolutionieren, weil sie sich nicht reformieren kann“, sagte er. Er vermisse den Mut, Kritik am Islam offen auszusprechen. Niemand in Europa wage dies, dabei sei „höchste Eile geboten“: „Ihre Politiker sagen Ihnen nicht, dass Sie sich Sorgen machen müssen – aber das müssen Sie!“
Boualem Sansal erhielt 2011 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In der Begründung hieß es, Sansal trete in seiner Heimat Algerien für das freie Wort und den öffentlichen Dialog in einer demokratischen Gesellschaft ein. In seinem aktuellen Buch „Allahs Narren – Wie der Islamismus die Welt erobert“ beschreibt er den Aufstieg des Islam. Sansal gilt als Religionskritiker. In Berlin sprach er sich unter anderem für den Laizismus aus, in dem Staat und Religion völlig getrennt sind. (pro)