Wenn Andreas Englisch, langjähriger Bild-Korrespondent in Rom, in Talkshows das Wort ergreift und von Papst Franziskus zu erzählen beginnt, leuchten nicht nur seine, sondern auch die Augen seiner Zuhörer. In seinem zweiten Buch über Papst Franziskus, „Der Kämpfer im Vatikan“, schreibt Englisch genauso mitreißend, wie er spricht.
Die Akzentverschiebungen des Papstes nach Amtsantritt rückt Englisch in den Mittelpunkt: Angefangen bei der Namenswahl, über die Amtseinführungs-Zeremonie, den verlegten Wohnort ins Gästehaus des Vatikans, Franziskus‘ allgemeine Bescheidenheit, bis hin zu seinen Reden und seinem unterkühlten Verhältnis zur römischen Kurie. Die Aufhebung der strafrechtlichen Immunität aller Würdenträger der Kurie bezeichnet Englisch als besonders wichtigen Schritt. Und er unterfüttert diese Schilderungen mit historischen Vergleichen zu früheren Päpsten.
Das Prinzip „Einer gegen alle“
In seiner Geschichte ist Jorge Mario Bergoglio als neu gewählter Papst ein Underdog und Außenseiter in der katholischen Kirche. Englisch vergleicht Franziskus bewusst mit Papst Johannes Paul I., um dessen plötzlichen Tod sich zahlreiche Verschwörungstheorien ranken. Hier stehe in der Person des Franziskus der rebellische Kämpfer gegen das korrupte Kurie-System. Das Prinzip „Einer gegen alle“ hat seine narrativen Reize. Zumal Englisch die meisten Entscheidungen des Papstes mindestens als atemberaubend oder gleich als revolutionär bezeichnet. „Der Kämpfer im Vatikan“ ist das Buch eines Mannes, der nah dran war am Geschehen. Englisch fliegt beispielsweise als Bild-Korrespondent seit vielen Jahren in den Privatmaschinen der Päpste mit. Man könnte ihm fehlende kritische Distanz unterstellen, die man von einem Journalisten erwarten würde. Vielleicht ist es aber gerade das, was die Leser und Zuhörer an Andreas Englisch so schätzen. Es ist dieser schwärmerische Ton, den man ansonsten vorrangig von verliebten Teenagern kennt.Als Fotografen den Papst bewusst nicht knipsten
Das ist wohl auch einer der Schlüssel des Erfolges für dieses Buch: Eigentlich geht es in „Der Kämpfer im Vatikan“ um den Glauben. Autor Englisch sieht den eigenen katholischen Glauben durch Papst Franziskus erneuert. Er beschreibt eine fast körperlich spürbare Bestätigung, die er in der Gegenwart des Papstes erfahren hat. Eine Erfahrung, die Englisch auch in Gegenwart von Papst Johannes Paul II. machte. Ausführlich schildert er eine Szene, in der die Fotografen auf einer Osteuropa-Reise des Papstes die Gelegenheit für einen Jahrhundert-Schnappschuss verstreichen ließen, weil sie etwas gespürt haben wollten. „Sind Päpste tatsächlich Gott näher als irgendwer sonst?“, fragt sich der Autor. Wenn dem so ist, will Englisch – so scheint es – zumindest im richtigen Flugzeug dabei sitzen. Das Buch „Der Kämpfer im Vatikan“ besitzt im letzten Drittel auch autobiografische Züge. Über den Glauben kommt Englisch auf seine eigene Familie zu sprechen. Die einfachen Verhältnisse, in denen er im nordrhein-westfälischen Werl aufgewachsen ist, waren sein Antriebsmotor für die spätere Journalisten-Karriere. Englisch schreibt über seinen Vater, einen Bauarbeiter und Feuerwehrmann, und seine Mutter, die davon träumte, einmal wie die Kaiserin Sissi zu leben. Es ist eine sensible, anrührende Schilderung des Alltags einer vom Weltkrieg geprägten Durchschnittsfamilie. In das Feuerwehrerholungsheim in Bergneustadt, das im Leben seiner Eltern eine entscheidende Rolle gespielt hat, pilgern Andreas Englisch und sein Vater nach dem Tod der Mutter. In dem inzwischen umgebauten Hotelzimmer finden beide die Zuversicht und den Glauben wieder. (pro)Andreas Englisch: Der Kämpfer im Vatikan. Papst Franziskus und sein mutiger Weg, C. Bertelsmann, 385 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 9783570102794