Andrew Sullivan ist ein in Amerika bekannter Journalist. Der 48-jährige schreibt für renommierte Magazine wie "The Atlantic" oder "Time". Nun hat er sich in einer Titelgeschichte für "Newsweek" Gedanken zum Christentum gemacht, das sich nach seinem Bekunden in einer Krise befindet. Auf dem Cover des Wochenmagazins mit einer Auflage von über drei Millionen ist ein langhaariger Mann mit einer Dornenkrone zu sehen, der inmitten des Verkehrs einer Großstadt steht.
Die Krise des Christentums zeigt sich laut Sullivan in dem großen Zulauf an jungen Menschen, den der Atheismus verzeichnet. Auch dass sich viele Menschen von der organisierten Religion ab und einer vagen Frömmigkeit zuwenden, sei wenig verwunderlich. Denn an eine höhere Macht glaubten die Menschen nach wie vor, auch stellten sie weiterhin die großen Fragen, etwa was nach dem Tod passiert. Doch Antworten biete ihnen das Christentum nicht mehr, ist Sullivan überzeugt.
Religion als Politik
Die Ursache hierfür sieht Sullivan in einer Entfremdung des Christentums von sich selbst. Zum einen habe Religion die Politik völlig vereinnahmt. "Wir leben in einem Gemeinwesen, das mit Religion getränkt ist." Republikaner meinten, Religion solle jeden Aspekt des öffentlichen Lebens prägen. Sogar der demokratische US-Präsident Barack Obama berufe sich auf Jesus, um seine Gesundheitsreform durchzusetzen.
Jesus hingegen, so Sullivan, habe nie von Abtreibung oder Homosexualität gesprochen. In Bezug auf die Ehe habe er lediglich die Scheidung verurteilt und Vergebung für Ehebrecher eingefordert. Auch stehe Jesus nicht für den "Wert der Familie": Er habe seine Eltern öffentlich verleugnet und seine Anhänger aufgefordert, ihre Familie zu verlassen. Politik könne sich also in vielen Dingen gar nicht auf Jesus berufen.
Mit dem amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson (1743-1826) als Gewährsmann plädiert Sullivan dafür, zum ursprünglichen Jesu zurückzukehren. Jefferson habe damals alles aus seiner Bibel gestrichen, was er nicht für die reine Lehre hielt: die Fleischwerdung, die Auferstehung, die Wundergeschichten. Wichtig seien ihm nur die einfachen Beispielgeschichten Jesu gewesen. Nicht auf das Kreuz komme es an, sondern auf den unbedingten Gehorsam Jesu.
Protestantismus und Katholizismus auf falschem Weg
Die Krise des Christentums sei auch die Krise der Kirche. Die katholische Kirche habe ohnehin an Autorität verloren, seit dem sie 1968 die Pille untersagt hatte. Doch im letzten Jahrzehnt habe sie angesichts der Missbrauchs-Skandale ihr letztes verbliebenes Ansehen endgültig verwirkt. "Ich weiß nicht, ob es einen größeren Vorwurf gegen die Kirche geben kann – außer der Weigerung ihrer Führung, Verantwortung wahrzunehmen und zurückzutreten."
Doch auch im Protestantismus laufe vieles falsch. Prediger in amerikanischen Vororten verkündigten ein Wohlstandsevangelium. Andere predigten die unbedingte wörtliche Auslegung der Bibel und ignorierten die Erkenntnisse der Wissenschaft. "Diese Impulse rühren von einer Panik angesichts der Moderne, von einer Angst vor einem vagen ‚Anderen‘ her. Diese Arten des Christentums konterkarieren die größte Aufforderung von Jesus: ‚Fürchte dich nicht.’"
Erneuerung als Rückbesinnung
Wie genau das Christentum seinen Weg aus der Krise finden soll, wisse er nicht, gesteht Sullivan. "Aber ich weiß, dass es nicht passieren wird, wenn andere noch schärfer verurteilt werden, wenn man sich noch mehr auf die Politik anstatt auf das Gebet konzentriert, wenn wir uns mehr mit dem Liebesleben der anderen befassen als mit dem, was uns von Gott trennt." (pro)