Als Eltern von zwei Töchtern werden meine Frau und ich immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie wir den Medienkonsum unserer Kinder handhaben und regeln. Bei Kindern im Alter von sechs und drei Jahren scheint das noch überschaubar schwierig. Aufgeschreckt haben mich in dieser Woche allerdings zwei Beiträge, die wir auch in unserer Redaktion diskutiert haben.
Zugegeben: Dabei geht es um Teenager. Die sind vermutlich noch einmal völlig anderen Einflüssen und Medien ausgesetzt als unsere Kinder. Aber beide Beiträge haben mich noch einmal sensibilisiert für den Umgang mit der virtuellen Welt und den sozialen Medien.
Gerade ist die britische Netflix-Serie „Adolescence“ in aller Munde, von der ich bisher noch keine Sekunde gesehen habe. Die Macher bekommen durchweg positive Kritiken. Und die lassen aufhorchen. Hauptfigur ist der 13-jährige Schüler Jamie Miller. Die Polizei beschuldigt ihn, eine Mitschülerin ermordet zu haben. Miller leugnet die Tat, aber vieles spricht gegen ihn.
Haben soziale Medien das Leben zur Hölle gemacht?
Die Ermittler finden heraus, dass er massiv gemobbt wurde. Auch die Eltern fragen sich in der Serie, ob sie eine Mitschuld an dem Vorfall tragen. Haben sie ihrem Sohn genug Aufmerksamkeit gewidmet? Haben ihm die sozialen Medien beim Erwachsenwerden das Leben zur Hölle gemacht? Oder war seine Reaktion die Auswirkung „toxischer Männlichkeit“?
Den zweiten Beitrag hat „Der Spiegel“ veröffentlicht. Redakteurin Frauke Hunfeld schreibt die wahre Geschichte des 14-jährigen Sewell Setzers aus Florida auf. Ihre Reportage skizziert einen „fröhlichen Jungen“, der sich später in der virtuellen Welt verliert, in einen Chatbot verliebt und sich schließlich umbringt.
Es lässt einen schaudern, wie der gut situierte Junge in diese Abhängigkeit von Algorithmen gerät: einem „Code aus Nullen und Einsen, entwickelt von hoch bezahlten Tech-Spezialisten“, von dem Hunfeld schreibt. Damit sei es gelungen, Sewell – und vermutlich nicht nur ihn – einzufangen, zu verführen und abzuschöpfen.
„Warum gibt es Produkte, die das ermöglichen?“
In ihrem Artikel veröffentlicht sie auch einige Chat-Protokolle. Sie sollen zeigen, wie arglos der Junge der Maschine seine Liebe anvertraut hat und in eine andere Welt eingetaucht ist. Darin sagt er seiner „virtuellen Freundin“, wie sehr er sich selbst hasst, wie erschöpft und tot er sich manchmal fühlte und wie gerne er schnell mit dem Chatbot vereint sein möchte. Setzer hat sich kurz vor seinem 15. Geburtstag umgebracht.
Seine Mutter legt sich jetzt sogar juristisch mit dem vielleicht mächtigsten Konzern der Welt an. Sie glaubt, dass der Junge wahrscheinlich wirklich gedacht habe, dass er mit dem Chatbot liiert sei. Die Mutter zerbricht förmlich an der Frage, wie „dieses Ding“ ihren Sohn dazu gebracht habe, diesen Schritt zu gehen und warum es überhaupt Produkte geben darf, die Kinder dazu bringen. Das Ende des Rechtsstreits ist offen.
Ich hüte mich an dieser Stelle vor einfachen Antworten. Ich weiß, dass es sich um zwei Extremfälle handelt. Wie geschrieben: mich haben beide Fälle noch einmal sensibilisiert für den Umgang mit der virtuellen Welt, den sozialen Medien und der Künstlichen Intelligenz. Vielleicht können Sie sich ja mit mir gemeinsam vornehmen, in der Familie oder im Umfeld noch einmal bewusst darauf zu achten, echt für Menschen da zu sein, dass sie auf der Suche nach Liebe und Zuneigung nicht ins Virtuelle abtauchen müssen.