Ägypten: Karten für Christen werden neu gemischt
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pro: Als Mitarbeiter der
Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten (EMO) waren Sie bis vor
wenigen Tagen selbst noch in Ägypten. Wie haben Sie die Situation
vor Ort erlebt?
Reinhold Strähler: Ich bin noch vor
Ausbruch der Demonstrationen nach Ägypten gekommen und habe
miterlebt, wie sich die Aufstände Ende Januar langsam
hochschaukelten. Ich war im Süden Ägyptens. Dort gab es nur ab und
zu Demonstrationen. Unsere Mitarbeiter aus Ägypten, Deutschland und
Finnland waren insgesamt sehr besorgt, auch weil tagelang die
Mobilfunknetze abgeschaltet wurden und das Internet nicht zugänglich
war. Zudem wusste niemand, wie sich die Situation weiterentwickeln
würde. Es gab gerade zu Anfang der Aufstände Berichte von
Plünderungen in Kairo, Alexandria und anderen Städten. Bei uns im
Süden ist es dagegen weitgehend ruhig geblieben. In der Nähe
unseres Aufenthaltsortes ist allerdings eine Polizeistation in Brand
gesetzt worden.
Wie geht es den Christen in Ägypten im
Moment?
Die Lage der Christen in Ägypten ist
schon seit Jahren schwierig. Es gibt dort eine offiziell akzeptierte
christliche Minderheit von 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung. Diese
Gläubigen werden zwar in mancher Hinsicht diskriminiert, aber nicht
verfolgt. Dennoch kommt es immer wieder zu dramatischen Übergriffen
auf Christen, etwa in Nachbarschaftsstreitereien. Diese sind oft nur
ein Vorwand, um den Gläubigen etwas anzutun. Dann werden Häuser
niedergebrannt oder sogar Menschen getötet. In solchen Situationen
wird deutlich, dass Christen in Ägypten benachteiligt sind und nicht
geschützt werden. Dass sie oft zur Zielscheibe des Hasses werden,
hat nicht zuletzt der Anschlag gegen Kopten in der vergangenen
Silvesternacht gezeigt. Eindeutig von Verfolgung können wir
sprechen, wenn Menschen aus islamischem Hintergrund zum Glauben an
Jesus Christus kommen. Rechtlich dürfen sie diesen Schritt gar nicht
vollziehen. Auf den offiziellen Dokumenten ist die
Religionszugehörigkeit vermerkt und diese lässt sich nicht ändern.
Solche Christen mit islamischem Hintergrund werden inhaftiert,
verlieren ihre Arbeitsstelle, ihren Ehepartner und die Kinder oder
werden anderweitig schikaniert und gefoltert.
Nach den Anschlägen auf Kopten in der
Silvesternacht und Ende Januar hat sich die ägyptische Regierung
offensichtlich bemüht, die Verbrechen aufzuklären und ist der
christlichen Minderheit, auch auf internationalen Druck hin, spürbar
entgegen gekommen. Wäre es für die Christen nicht besser gewesen,
wenn es gar keine Aufstände gegeben und die Regierung ihre Arbeit
fortgesetzt hätte?
Sie formulieren hier die Hauptsorge der
Christen in Ägypten: Wenn die Karten jetzt komplett neu gemischt
werden, was kommt dann am Ende dabei für die Christen heraus? Gerade
die koptisch-orthodoxe Kirche hat sich immer sehr stark hinter das
Regime von Präsident Mubarak gestellt und jüngst etwa dazu
aufgerufen, sich nicht an den Demonstrationen zu beteiligen. Der
Hintergrund ist: Diese Kirche hat einen gewissen Status vom Staat
zugesprochen bekommen, dieser wiederum hat dafür erwartet, dass die
Christen ihm gegenüber loyal sind. Die Frage ist nun: Wird dieses
Geflecht so bestehen bleiben, oder verlieren die Christen ihre
wenigen Rechte auch noch?
Wie wird es kommen?
Schwer zu sagen. Ich sehe die jetzige
Situation eher kritisch. Die Muslimbrüder könnten mehr Einfluss
gewinnen und deren Ziele sind hinlänglich bekannt. Sie wollen zurück
zum Islam und mehr von der Scharia verwirklichen. Zudem sind die
Muslimbrüder die am besten organisierte und stärkste Kraft in der
Oppositionsbewegung. In einer neuen Regierung werden sie mitbestimmen
und sich sicher nicht für mehr Demokratie und Freiheit einsetzen...
...20 bis 30 Prozent der Wählerstimmen
hätten die radikal-islamischen Muslimbrüder laut der Deutschen Presse-Agentur im
Moment...
Das ist nicht die Mehrheit, aber sie
wären wegweisend dabei. Die restliche Oppositionsbewegung ist teils
liberal oder nationalistisch, sympathisiert teilweise mit westlichen
Werten und sehnt sich nach Freiheit. In diesem Sammelsurium hätten
die Muslimbrüder ein starkes Gewicht. Wenn es wirklich so weit
kommt, wird die Situation für die Christen möglicherweise noch
schwieriger als in der Vergangenheit.
Der Nordafrika-Experte Hauke Hartmann
hat jüngst vor Islamophobie gewarnt. Die Muslimbrüder würden, so
sie denn an die Macht kämen, vor allem die Korruption bekämpfen und
für den Ausbau des Bildungssystems sorgen.
Natürlich will die Muslimbruderschaft
in solchen Bereichen konsequent vorgehen und sich in positiver Weise
einsetzen. Das hat sie schon in den vergangenen Jahren getan. Aber
wir dürfen die wahre Intention dieser Bewegung nicht verharmlosen.
Vergessen wir nicht: Ihr vorrangiges Ziel ist es nicht, armen und
unterdrückten Menschen zu helfen, sondern den Staat stärker
islamisch zu prägen. Am Ende könnte dies zu einer noch stärkeren
Unterdrückung als bisher führen.
Vor zwei Wochen haben die ersten
Aufstände begonnen. In dieser Zeit sind in Ägypten rund 300
Menschen ums Leben gekommen. Was bringen die kommenden zwei Wochen?
Ich hoffe und bete, dass die Opposition
mit der Regierung in ernsthafte Verhandlungen eintritt und dass es zu
einer friedlichen Veränderung kommt.
Die iranische Regierung hat die
Aufstände als Beginn eines islamischen Zeitalters gefeiert. Der
Westen feiert eher den Auftakt zu einem Demokratisierungsprozess. Was
ist wahr?
In welche Richtung es gehen wird, kann
derzeit niemand sagen. Es könnte jedoch
durchaus sein, dass es in Zukunft einen stärkeren islamischen
Einfluss geben wird. Die Christen Ägyptens würden dies nicht
begrüßen. Allerdings gibt es unter ihnen ein starkes geistliches
Leben das sich in einer Vielzahl von Initiativen ausdrückt, etwa im
Bereich der Medien. Es ist einiges in Bewegung in Ägypten, und ich
bin sicher, dass die Christen auch mit den neuen Herausforderungen
umgehen können.
Die Fragen stellte Anna Wirth.
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Wolfram | 09.02.2011 17:57:59
Es gibt auch völlig gegensätzliche Erfahrungen wie der Bericht auf EANN.de zeigt: http://www.eann.de/aegypten-muslime-und-christen-halten-zusammen/7044/