"Was ist das für ein Land?"
Da fragt man sich doch, warum dieser Barack Obama nicht vor dem Schlag gegen den Erzterroristen deutsche Journalisten um Rat gefragt hat. In Köln fabuliert ein WDR-Hörfunkmann etwa zur gleichen Zeit: "Volksfeststimmung in Washington, jubelnde Menschen auf den Straßen, (…). Die Euphorie galt dem Tod eines 54-jährigen Familienvaters." Böse Ami-Henker, die Familienväter killen? Wie sonst soll man das verstehen? Der Kommentator der ARD-Tagesthemen fragt rhetorisch und angewidert: "Was ist das für ein Land, das eine Hinrichtung derart bejubelt?" Die kriegstreiberischen Amis, die die Welt spalten und dem Terror damit erst Nährboden geben? Was soll er sonst gemeint haben?
So sieht man das weit weg vom Hindukusch – vom Dreck und dem Blutvergießen im Kampf gegen den Terror. So sieht man das, wenn man nie mit einem Vater geredet hat, dessen Sohn von radikal-islamischen Terroristen ermordet wurde. Vielleicht sieht man das auch deshalb so, weil man ein deutscher Intellektueller ist. Denn die Besserwisserei und das Moralisieren sind deutsche Tugenden. Und die Tugendhaftesten sitzen in deutschen Redaktionsstuben.
Woran liegt es, dass die Deutschen so ticken, wie sie ticken? Ein Kommentator der Berliner Tageszeitung "Die Welt" hält die Deutschen schlicht für "zart besaitete Seelchen". Sein Fazit: "Während man in Amerika den Tod eines Massenmörders feiert, geben in Deutschland nach dem Tod Osama Bin Ladens die Bedenkenträger den Ton an."
Wenn es nur die Zartbesaiteten wären, denen wir die unsägliche Berichterstattung zu verdanken haben, dann könnte man damit zur Not leben. Aber leider sind es ahnungslose Ideologen, die mit anderen ideologischen Ahnungslosen zusammen für den Unsinn verantwortlich zeichnen. Sie finden Amerika grundsätzlich kulturlos, doof und borniert. Unter dem politisch eher links stehenden Obama vielleicht nicht ganz so doof wie unter George W. Bush – aber eben doch doof genug, um die Nase zu rümpfen. Gab es deshalb in manchen Medien kein Wort über die 3.000 unschuldigen Toten allein in New York am 11. September – so wie es auch kein Wort gab vom Leid der Opfer und Angehörigen der Anschläge auf Bali, in Madrid, London, Nairobi, Daressalam, auf Djerba – und so weiter?
Die ideologischen Ahnungslosen glauben zu wissen, dass es für Probleme keine militärischen Lösungen gibt. Das ist nicht nur eine naiv-dummpazifistische Haltung, sondern auch eine gefährliche. Henryk M. Broder bringt das in der "Welt" so auf den Punkt: "Die Deutschen sind entweder für den totalen Krieg oder den totalen Frieden." Und weiter: "Es sind Szenen aus dem Tollhaus einer Moral, deren Verweser sich von der Wirklichkeit verabschiedet haben; sie wissen nicht einmal, wie sie 'gewaltbereite Jugendliche', die aus Frust Passanten ins Koma prügeln, befrieden sollen, aber im Völkerrecht, da kennen sie sich aus. (…)".
Die Mehrheit der Deutschen wäre dafür gewesen, Osama Bin Laden lebend zu fangen und vor ein Gericht zu stellen. Und dann? Dann hätten die Terroristen überall auf der Welt unschuldige Amerikaner und Europäer als Geiseln genommen – und gedroht, jeden Tag zwei zu erschießen, wenn Osama nicht frei kommt.
Die Wahrheit ist nicht immer angenehm und selten politisch korrekt. Deshalb darf man mutig schreiben, dass Bin Laden kein Zivilist war, sondern ein Kämpfer. Dass er sich nicht ergeben hat. Dass während der Aktion auf die amerikanischen Soldaten geschossen wurde (ob aus einer oder aus fünf Waffen ist völlig belanglos). Dass man nicht einfach ins Quartier des gefährlichsten Terroristen der Welt gehen, ihm vor der Festnahme seine Rechte vorlesen und ihn mit seinem Anwalt verbinden kann. Dass die Welt natürlich ohne Bin Laden ein sicherer Ort ist als mit ihm. Und dass natürlich eine Demokratie genau so vorgehen darf, wie es Amerika jetzt getan hat. Wer keine Ahnung von der terroristischen Bedrohung hat, soll sich und uns moralisierende Kommentare ersparen. Wer nie mit Opfern und ihren Angehörigen gesprochen hat, der soll sich schämen, Terroristen als Biedermänner darzustellen.
Ich habe vor vielen Jahren in Jerusalem die Aufnahmen von der Ermordung des amerikanischen Journalisten Daniel Pearl gesehen. Der 38-jährige Journalist vom "Wall Street Journal" wurde Anfang 2002 in Pakistan bestialisch hingerichtet – nur weil er Jude war. In meinem Kommentar auf "Israelnetz" hieß es damals: "Die Feinde der Menschlichkeit stachen (Pearl) … – wie einem Stück Vieh – das Messer in den Hals. Ich möchte im Leben nie wieder so etwas anschauen müssen. Andererseits bin ich mir seitdem noch mehr darüber im Klaren, mit welchen Gefahren wir es zu tun haben." Wer Gerechtigkeit für Bin Laden und seine Schergen fordert, soll sich den Film anschauen.
Pearls Mörder, das wissen wir heute, war niemand anders als Chalid Scheich Mohammed, der Chefplaner des 11. September. Er hat sich dabei filmen lassen. Jetzt sitzt er irgendwo in amerikanischer Haft und soll sogar einen Zivilprozess in New York bekommen. Der "Spiegel" meldete im November 2009, Deutschland wolle Prozessbeobachter schicken, um sicherzustellen, dass mögliche Todesurteile nicht auf deutschen Beweismitteln beruhen. (pro)
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Matthias Knoth | 20.05.2011 13:49:39
Sehr geehrter Herr Zörb, seit vielen Jahren lese ich das Magazin Pro sehr gern, weil mit gut recherchierten Beiträgen gesellschaftliche Ereignisse und christlicher Glaube dargestellt werden. Was Sie aber mit diesem Artikel bieten halte ich für billigste Polemik und defamierend gegenüber allen, die noch die freiheit besitzen, amerikanische Handlungsweisen jeglicher Art auf diesem Planeten kritisch zu betrachten. Dies ist einem solchen Magazin nicht würdig. ich habe den Eindruck, dass im Gegensatz zu linken Lagern auf der anderen Seite alles was aus Amerika kommt reflexartig als gut hingestellt wird. Zu Osama b.L. sage ich: Ich verstehe voll und ganz die Genugtuung der Opfer über seinen Tod. Auf der anderen Seite ist ja wohl klar, dass sich die Situation der terroristischen Bedrohung, die sie auch selbst beschreiben in keinster Weise verbessert hat, im Gegenteil. Ich erwarte also in Zukunft in der Pro eine ausgewogenere Beurteilung und wünsche Ihnen dazu das nötige Augenmass. Mit freundlichen Grüßen Matthias Knoth
nik | 19.05.2011 17:13:21
ich finde ja das die idee, dass nur in deutschland dem angeblichen "gutmenschenland" der tod von bin landen und besonders die freude darüber kritisch betrachtet wurde, stimmt einfach nicht. solche behauptungen muss man erstmal belegen. ich kenne sehr wohl (persönlich) amerikaner die sich auch mit diesen fragen auseinandergesetzt haben: freude über bin ladens tod, gezielte tötung usw... und das zum teil kritisch hinterfragt haben. das kann man auch in manchen foren von amerikanischen medien finden.
kritix | 19.05.2011 13:39:48
@ lieber David Seelaus: Wenn ich mich nicht auschließlich mit Ihren Beiträgen befasst habe, sondern mit der Thematik des Artikels und Sie sich deshalb übergangen fühlen sollten, tut mir das natürlich leid. Da Sie sich so vehement über die Verwendung des Wortes "Gutmensch" empören, liegt das offensichtlich an einer Fehlinterpretation des Begriffs. Sie verwechseln einen "Gutmensch" mit einem "guten, tugendhaften Menschen"!!! Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Quelle Wikipedia über Gutmensch: "Bezeichnung für Einzelpersonen oder Personengruppen („Gutmenschentum“), denen ein übertrieben moralisierendes oder naives Verhalten unterstellt wird." Der Begriff bezieht sich auch auf den Unterschied zwischen "gut gemeint" und "gut gemacht". Ein Gutmensch zeichnet sich außerdem zumeist durch einseitige Betrachtung eines Problems, mangelnde Objektivität oder Unkenntnis der Faktenlage aus. Der Gutmensch erscheint zwar im Sinne unserer veröffentlichten Meinung als Politisch Korrekt, bewirkt aber durch sein Reden und Handeln oft das Gegenteil. Indem er unliebsame Realitäten verharmlost, beschönigt, vernebelt, da sie nicht seinem ideologischen Weltbild entsprechen, erweist er in Wirklichkeit der Gesellschaft einen Bärendienst. Den Begriff Gutmensch könnte man daher auch mit Besserwisser oder Moralisierer ersetzen, dann wär's vielleicht klarer rübergekommen. Die reflexhafte Empörung über diesen Artikel zeigt, wie sehr er ins Schwarze getroffen hat und wie notwendig er war. Vielen Dank noch mal dafür!!! Stets gewogen kritix
L'amie americaine | 17.05.2011 16:24:06
Ein hervorragender Beitrag. Wem es einfällt, bin Laden als Familienvater zu betrauern, hat doch eine komplette Meise im Oberstübchen. Auch die anderen erwähnten Medienveröffentlichungen belegen, daß die moralischen Maßstäbe bei nicht wenigen Leuten in diesem Lande völlig verrückt sind. Leider haben auch etliche Kommentatoren hier nichts begriffen oder schlimmer noch, sie wollen es nicht begreifen. Ich bin sehr besorgt über die derzeitige Entwicklung in Deutschland und muß an Brecht denken: "Der Schoß ist fruchtbar noch..."
Maks | 16.05.2011 15:15:59
Anmerkung zu kritix Kommentar: Ganz so ist es doch nicht, daß "die zahlreichen feige und grausam ermordeten Opfer und deren Hinterbliebenen hierzulande seltsamerweise weniger Anteilnahme erhielten". Ich kann mich noch gut erinnern, daß nach den Anschlägen auf das World Trade Center und die Menschen in den Zwillingstürmen, bei uns in Deutschland bald an jeder Straßenecke Kondolenzlisten zum Unterschreiben auslagen.
David Seelaus | 16.05.2011 11:02:46
@kritix Können Sie bitte die zentralen Argumente in den hier stehenden Kommentaren kritisieren? Wenn Sie Kritik an anderen Beiträgen in anderen Journalen hier anbringen, werden sie wohl nicht die erwünschte Einsicht bringen. - Die Empörung und Betroffenheit richtet sich in erster Linie gegen die ausgedrückte Freude an der Tötung und deren emotionale Legitimation, nicht gegen die Tötung selbst. Ich verstehe den Begriff "Gutmenschen" in diesem Zusammenhang nicht. Was ist schlecht daran, gut zu sein? Bringen Sie bitte Ihre Kritik auf den Punkt. Und wenn Sie schon Hitler hineinbringen wollen: "Adolf Hitler hat in seinen Reden und in 'Mein Kampf' ebenfalls die Vorsilbe gut als abwertend verwendet. So sind für ihn gutmeinende und gutmütige Menschen diejenigen, die den Feinden des deutschen Volkes in die Hände spielen." (aus Wikipedia über Gutmensch) Einmal mehr: Wenn "Gutes" nicht mehr gut sein darf, "Tugend" abgewertet wird und Intellektuelle zu gefährlichen Träumern mit unbewussten blinden Flecken degradiert werden, dann ist "Schlechtes" nicht mehr so schlecht, "Laster" und oberflächliche, kurzsichtige Begründungen werden gesellschaftsfähiger. Das ist gefährlich. In eigener Sache: Ich ziehe meinen eigenen Beitrag ab "Geht es Ihnen einfach darum (...)" zurück, denn er ist ebenfalls Spekulation und trägt nichts zum gegenseitigen Verständnis bei. Tut mir leid.
kritix | 13.05.2011 17:29:41
Die Empörung und Betroffenheit über das ach so grausame Schicksal des armen Osama ist schon bemerkenswert. Seine zahlreichen feige und grausam ermordeten Opfer und deren Hinterbliebenen erhielten hierzulande seltsamerweise weniger Anteilnahme. Schnell waren reflexhaft bemühte Erklärungsversuche (Ja Ja die Lage im Nahen Osten und die Rolle der USA) bis hin zu stiller Genugtuung (endlich trifft's mal die pöhsen pöhsen Amis) anzutreffen. Die gleichen selbsernannten "Gutmenschen", die jetzt ein lautes Klagelied für einen Massenmörder anstimmen, lassen ihre Empörung bei Terroranschlägen meist vermissen. Und noch etwas: Wäre ein Kommando amerikanischer Marines in den Berghof eingedrungen (gegen das heutige Völkerrecht verstoßend!!!) und hätte die Welt von Hitler befreit, wäre das Geschrei dann ebenso???
Maks | 13.05.2011 15:36:30
Zitat aus dem Artikel:"Dann hätten die Terroristen überall auf der Welt unschuldige Amerikaner und Europäer als Geiseln genommen " Da hätten die Terroristen aber lange suchen müssen bis sie einen unschuldigen Amerikaner oder Europäer gefunden hätten. Den einzigen unschuldigen Menschen den ich kenne war ein Jude!
Apodoc | 13.05.2011 12:25:47
Kann ein Mensch ein Menschenleben erschaffen? Also steht auch nur Gott das Recht zu, ein Menschenleben zu nehmen. Und seinen Geschöpfen, die von ihm und seiner Liebe und Gnade abhängig sind, steht es nicht zu, Freude über den Mord an einem seiner Geschöpfe zu empfinden.
csfh | 12.05.2011 20:52:30
Auch ich muss Ihrem Kommentar scharf widersprechen. Sie stellen es als realitätsfern und verweichlicht dar, völkerrechtliche Selbstverständlichkeiten (territoriale Integrität, ordentliche Gerichtsprozesse etc.) einzufordern, was ich für extrem bedenklich halte. Offensichtlich sprechen Sie der Person Bin Ladens auch ab, ein Mensch zu sein und entsprechende universelle und unveräußerliche Menschenrechte zu genießen. Damit stellen Sie sich letztlich auf eine Stufe mit Extremisten, die ihre Gegnern in gleicher Weise herabwürdigen, um vor sich selbst ihre Taten zu rechtfertigen. Die einzig saubere Lösung dieses Falls wäre gewesen, Bin Laden gefangen zu nehmen und vor ein ordentliches Gericht zu stellen. Ich teile nicht die Auffassung, dass man ihn nicht gefangennehmen konnte, denn selbst eine Ehefrau, die auf die Navy Seals losstürmte konnte durch einen Schuss ins Bein aufgehalten werden, warum dann nicht auch Bin Laden? Ich vermute nicht, dass Gründe der öffentlichen Sicherheit, möglicher Anschläge oder eine Ikonenbildung gegen einen ordentlichen Prozess gesprochen hätten, sondern eher mögliche Aussagen Bin Ladens über die Amerikaner, die ihn erst stark gemacht haben -- einerseits gegen die Russen, später dann als Personifizierung des Terrors, um diverse Freiheitsrechte abzuschaffen und ihre hegemonialen Interessen weltweit durchzusetzen. (Damit schließe ich mich nicht diversen Verschwörungstheorien zu 9-11 an, sondern will lediglich betonen, inwiefern die USA m.E. dieses Ereignis instrumentalisiert haben.)