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Kommentar

Obama macht Bin Laden zum unsterblichen Märtyrer

Überall in der westlichen Welt jubeln Menschen derzeit über den Tod Osama Bin Ladens. In ihrer Euphorie glauben viele Amerikaner und Europäer offenkundig, dass mit dem Ende Bin Ladens nun auch der islamistische Terror ein schnelles Ende in der Welt finden werde. Das aber ist reines Wunschdenken. Denn dummerweise wird genau das Gegenteil der Fall sein. Ein Gastbeitrag von Udo Ulfkotte

Wer wissen will, welche Folgen der Tod eines Menschen hat, der sollte sich vor allem mit dessen Ansehen beschäftigen. Während das Ansehen Bin Ladens in westlichen Staaten extrem gering ist, erreicht es in islamischen Staaten mitunter für uns kaum vorstellbare Höhen, ein Beispiel: Bin Laden war in Pakistan in der Vergangenheit nachweislich beliebter als der pakistanische Staatspräsident. Immerhin 46 Prozent der Pakistaner erklärten 2007 bei einer Umfrage ihre Sympathie für ihn (zum Vergleich: der damalige pakistanische Präsident Musharraf kam nur auf 36 Prozent). Bis 2008 war Bin Laden nach allen Meinungsumfragen die beliebteste Person in der arabischen Welt. Das weltweit renommierte amerikanische PEW-Umfrageinstitut berichtet regelmäßig über die hohe Popularität Bin Ladens in Ländern wie Jordanien, Indonesien, Marokko, Ägypten, der Türkei oder Tunesien. Bei der letzten Umfrage kam Bin Laden 2010 in Nigeria auf 48 Prozent Zustimmung, in Indonesien auf 25 Prozent, in Ägypten auf 19 Prozent, in Pakistan auf 18 und in Jordanien auf 14 Prozent. Im Klartext: Jeder zweite nigerianische Muslim, jeder vierte indonesische Muslim, jeder fünfte ägyptische oder pakistanische Muslim stand im vergangenen Jahr hinter Bin Laden. Das muss man wissen, wenn man die Folgen seines gewaltsamen Todes ergründen will. Viele, die derzeit jubeln, werden das nicht wissen.

Für jene große Zahl von Muslimen, die Sympathien für Bin Laden haben, ist dieser nun ein Märtyrer. Denn wer den Tod ungerecht erleidet oder im Dschihad ums Leben kommt, der ist aus islamischer Sichtweise ein Märtyrer (Schahid). Jener aus Ägypten stammende Ajman al-Zawahiri, der als Nr. Zwei von Al Qaida gilt und nun scheinbar schon die Nachfolge Bin Ladens angetreten hat, ist seit langem schon dafür bekannt, dass er islamische Märtyrer blutig zu rächen pflegt. Die Auffassung, dass mit dem Tode Bin Ladens auch der islamistische Terror ein Ende gefunden habe, ist demnach ein rein westliches Wunschdenken. In der islamischen Welt wird vielmehr die aus westlicher Sicht immer wieder erstaunlich große Zahl der Bin-Laden-Sympathisanten Rache für den Märtyrer Bin Laden einfordern. Da nutzt es nichts, wenn die Amerikaner sofort erklärt haben, die Leiche Bin Ladens nach allen islamischen Riten nun mit Ehrfurcht zu behandeln.

Man darf nun gespannt werden, wann es das erste islamische Rechtsgutachten ("Fatwa") geben wird, mit dem in islamischen Staaten ganz offen zum Rachefeldzug gegen die Amerikaner aufgerufen wird. Immerhin hat die palästinensische Hamas Bin Laden wenige Minuten nach der Bekanntgabe seines Todes zum Märtyrer erkoren. Überall in der arabischen Welt wächst nun die Wut auf die USA.

Was also wird nun geschehen? Glaubt man den veröffentlichten WikiLeaks-Dokumenten, dann wird der Tod Bin Ladens durch einen Atombombenanschlag in Europa gerächt werden. Das hat zumindest Khalid Sheikh Mohammed, einer der Terrorplaner des 11. September 2001, bei einem Verhör unter Folter behauptet. Es gibt in diesem Zusammenhang eine Nachricht, die aufhorchen lässt: Die USA haben jetzt sofort alle 145 Mitglieder einer ABC-Waffen-Eliteschutztruppe aus dem japanischen Einsatzgebiet zurückbeordert.

Die Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Terroranschlags in Europa ist allerdings geringer als jene, dass nun plötzlich all die vielen den Sicherheitsbehörden nicht einzeln bekannten in Europa lebenden Sympathisanten Bin Ladens sich zu ganz persönlichen Racheakten aufgerufen fühlen. Gerade erst hat die Generalbundesanwaltschaft drei Mitglieder einer deutschen Al Qaida-Gruppe verhaftet. Und es ist nicht lange her, dass der aus dem Kosovo stammende Arid U. am Frankfurter Flughafen am Terminal 2 amerikanische Soldaten tötete. Es bedarf also keines weiteren Beweises dafür, dass wir mitten in Europa in Ländern wie Deutschland Anhänger Bin Ladens unter uns haben. Und die Auffassung, wonach in Ländern wie Deutschland nun vorwiegend Amerikaner oder Israelis gefährdet seien, ist reines Wunschdenken. Die Ideologie Bin Ladens und seiner Anhänger zielt stets darauf ab, so viele Menschen wie möglich zu töten – unabhängig davon, ob dabei auch Unschuldige ums Leben kommen.

Interpol hat gerade erst mitgeteilt, dass die Terrorgefahr mit dem Tod Bin Ladens keineswegs geringer geworden sei. Amerikaner und Europäer beobachten gerade jene Internetforen, in denen sich die Anhänger Bin Ladens virtuell austauschen. Dort wird ganz offen zum Dschihad aufgerufen.

Der amerikanische Präsident Obama hat den Aufenthaltsort Bin Ladens seit dem 14. März 2011 gekannt. An jenem Tag unterrichtete ihn die CIA darüber im Weißen Haus. Fünf Mal hat sich Obama seither mit Mitgliedern einer Spezialeinheit getroffen und über das mögliche Vorgehen beraten – erst am 28. April gab er grünes Licht für den Zugriff. Obama muss gewusst haben, dass er Bin Laden mit dieser Aktion unsterblich machen würde. Ganz sicher aber ist zugleich auch die ganze westliche Welt ein weiteres Stück unsicherer geworden. Wir vergessen nur zu leicht, dass auch die NATO mit ihren Bombenabwürfen in Libyen wohl eher nicht zur Völkerverständigung beiträgt. Mit dem Tod Bin Ladens werden nun jene Auftrieb erhalten, die uns Europäer und die Amerikaner schon immer verdächtigt haben, moderne Kreuzritter zu sein.

Am Ende werden all jene, die heute jubeln, erkennen müssen, dass es unendlich viele Bin Ladens gibt: Neben dessen Stellvertreter Al-Zawahiri stehen schon wieder viele andere bereit, um den Märtyrertod zu sterben. Wenn die erste Freude in westlichen Staaten verflogen ist, wird ganz sicher schnell Ernüchterung einkehren. Spätestens dann, wenn es die nächsten Terroranschläge gibt. Und dann werden wir uns irgendwann eingestehen müssen, dass der "Kampf gegen den Terror" in Wahrheit nichts anderes ist als jener Kampf, den es in der Welt von Anbeginn an gegeben hat: der Kampf gegen das Böse. Wir werden tausende Nachfolger Bin Ladens töten können. Aber das Böse werden wir damit nicht bekämpfen können.

VON: Udo Ulfkotte | 02.05.2011

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Kommentare [3] >>>

  • Lori | 27.07.2011 19:10:02

    Brot und Spiele. Die Amerikanische Führung hat das ganze perfektioniert. Ihre Arena ist heute die ganze Welt.

  • Felicitas Uhl | 06.05.2011 17:13:44

    Sehr guter Kommentar und auch einen zum Nachdenken anregender Schlusssatz. In vielem muss ich Ihnen zustimmen. Ich bin mir nicht sicher ob im vorletzten Absatz eine Kritik an Obama und dessen Entscheidung für die Tötungsaktion, gerichtet wurde. Falls Ja, kann ich das verstehen - da es Bin Laden zum Märtyrer gekürt hat - aber man muss sich mal überlegen was für Unruhen ein Öffentlicher Prozess ausgelöst hätte. Bin Laden hätte so oder so die Todesstrafe erhalten. Ich weiß nicht ob so ein öffentliches "zur Schau tragen" mehr Unruhen ausgelöst hätte als eine Methode die in Kriegsverhältnissen gang und gebe ist. Und dies sind eindeutig Kriegsverhältnisse. Natürlich kommt man hier auch in einen Moralischen Konflikt gegenüber seines Glaubens, seiner Mitmenschen und sogar sich selbst. Doch ich muss ehrlich sagen dass ich, falls ich im 3. Reich gelebt hätte, mich auch über den Tot Hilters gefreut hätte und genauso würde ich mich auch über den Tot Kim Il Sung´s freuen. Die Amerikaner sind sehr Patriotisch und das sie ihrer Erleichterung darüber, was sie sich seit 9/11 wünschen, nun Ausdruck verleihen ist doch auch irgendwo verständlich.

  • Tobias Sänger | 06.05.2011 07:55:05

    Da sag ich nur "Amen". Ein guter Kommentar.

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