"Fürchte dich nicht, deine Kirche zu kritisieren!"
"Fürchtet euch nicht!", sagt
der Engel im Evangelium zu den Hirten, bevor sie losziehen und
Christus suchen. Petra Bahr, die Kulturbeauftragte der Evangelischen
Kirche in Deutschland, schreibt: "Fürchtet euch nicht vor den
Weltuntergangspropheten, auch nicht vor denen, die in
Pressekonferenzen und Talkshows sitzen oder auf Kanzeln stehen."
Die Botschaft des Engels soll ihrer Meinung nach Mut machen. "Rechnet
mit dem Unmöglichen: Die Liebe setzt sich durch." Der
evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer liest in dem Satz
hingegen einen Aufruf zum Kampf gegen Ungerechtigkeit: "Fürchtet
euch nicht? Doch! Fürchtet euch! Das ist die Botschaft: Geht gegen
alles an, was Furcht macht, was Düsternis verbreitet, was Natur
zerstört, was gnadenlos ausbeutet, was Brot vorenthält und Freiheit
beschränkt, Denken verengt, destruktive Gefühle anheizt, was Geld
herrschen und Macht entgleiten lässt!" Dann sei Weihnachten
mehr als Idylle für einen Abend.
Der Jesuit Klaus Mertes,
bekannt geworden durch die Aufdeckung der Missbrauchsfälle am
Canisius-Kolleg in Berlin, empfindet die Worte als Hinweis auf die
Notwendigkeit des Vertrauens in Gott. "Die Hirten sollen sich
auf den Weg machen, ohne zu verstehen", schreibt er, und weiter:
"Ich verstehe Weihnachten so, dass Vertrauen die Quelle des
Lebens ist: Das Kind legt sich in die Arme der Menschheit. Damit
fängt alles an. Das ermutigt dazu, auch selbst alles Bescheidwissen
über Gott beiseite zu legen und rückblickend die Geschenke in den
Blick zu nehmen, die unseren Lebensweg säumen."
"Die
Angst wird nicht verschwinden, bei den Frommen ebenso wenig wie bei
den Heiden. Sie wird eher größer, je älter wir werden. Viel
schleppen wir mit uns herum. Aber das war bei den Hirten ja auch so",
schreibt der evangelische Pfarrer Andreas Horn aus Leubnitz-Neuostra
bei Dresden. Und der katholische Theologe und Kirchenkritiker Adolf
Holl sieht sich in den Worten der Bibel bestätigt: "Die
Aufforderung zur Furchtlosigkeit im Weihnachtsevangelium lese ich
politisch, in meinem Fall religionspolitisch. Fürchte dich nicht,
deine Zweifel zu bekennen! Fürchte dich nicht, deine Kirche zu
kritisieren! Deshalb will ich mir meine kirchenkritische Haltung
weiterhin leisten, in aller Ruhe." (pro)
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T. Brandt | 20.12.2012 23:29:27
Was man nicht alles in die Bibel hineininterpretieren kann ... die Bibel als Steinbruch meiner eigenen Wünsche ... wer nimmt solche Theologen überhaupt noch Ernst?