Mosebach: Christentum war im Osten schon vor der DDR schwach
Der Rückgang der christlichen Religion in Ostdeutschland habe lange vor der DDR begonnen, ist Mosebach überzeugt. "Der Sozialismus war zwar sehr eifrig in der strammen atheistischen Erziehung, aber das war er auch in anderen Ländern, in Russland, Polen oder Rumänien. Dort ist die Kirche wieder erstarkt, als der Sozialismus gestürzt war." In der DDR sei die Geschichte anders verlaufen, weil sie im Erbe Preußens stehe. "Es gab in Preußen seit dem 18. Jahrhundert einen die Kirche aushöhlenden Prozess." Der tolerante Friedrich II. habe Religion im Grunde verachtet. Danach hätten sich preußische Philosophen wie Friedrich Julius Stahl auf Ethik konzentriert und das Übernatürliche ausgeschlossen.
Es sei durchaus logisch, dass ausgerechnet der Teil Deutschlands, von dem die Reformation ausging, nun so sehr atheistisch sei: "Deutschland war immer ein geteiltes Land. Schon als es in die Geschichte eintrat, bestand es aus einem römisch beherrschten Teil und einem barbarisch gebliebenen Teil. Tatsächlich laufen unsere heutigen religiösen Grenzen teilweise an den alten römischen Militärgrenzen entlang. Im Osten gab es schon vor der Reformation einen antirömischen Affekt, den Luther dann verstärkte."
Die Kirche und jeder einzelne Getaufte habe die Aufgabe, für den Glauben zu werben, stellt Mosebach fest. "Nicht nur dadurch, dass er über seinen Glauben spricht, sondern indem er ein Leben führt, das auf Ungläubige so überzeugend wirkt, dass sie nachdenklich werden." Für Christen sei es immer schlimm, wenn Menschen die Verbindung zu Christus verlieren. "Weil sie davon überzeugt sind, dass diese Verbindung die Fähigkeit, Mensch zu sein, erst zur Vollendung bringt." Unglaube sieht er als einen Mangel an, weil die "seelische und auch die rationale Fülle des Menschseins" dann nicht gegeben sei, wenn die Verbindung zum Schöpfer verödet sei.
"Islam hat nichts zum deutschen Grundgesetz beigetragen"
Auf die Frage, warum viele Deutsche im Islam eine Konkurrenz sehen, obwohl sich immer weniger zum Christentum bekennen, antwortet Mosebach: "Die Sorge vor dem Islam in Deutschland ist weniger eine Sorge von Christen als von Leuten, die sich von der Kirche schon sehr weit entfernt haben. Die empfinden Religion an sich als gefährlich, und im Islam sehen sie eine Rückkehr der Religion."
Den Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" hält er für eine "verantwortungslose und demagogische Äußerung", wobei natürlich Deutsche, die sich zum Islam bekennen, dieselben Bürgerrechte hätten wie die anderen Deutschen. Mosebach fragt: "Was hat der Islam zu unserer politischen und gesellschaftlichen Kultur bisher beigetragen?" Das Grundgesetz fuße unter anderem auf dem Christentum und auf der Aufklärung. "Da gibt es kein einziges islamisches Element."
Angst vor einer Verdrängung des Christentums durch den Islam in Europa habe er nicht: "Dem Christentum ist ja nicht der historische Erfolg geweissagt." In den verschiedenen Apokalypsen sei zwar geweissagt, dass die Kirche in den letzten Tagen vor dem Ende der Welt fast vollständig verschwinden werde. Aber man könne beobachten, dass die Kirche "über den Erdkreis" wandere. "Jetzt entwickelt das Christentum zum Beispiel eine große Strahlkraft in China. Das dürfte politisch gesehen die interessantere Nachricht sein als die, ob in Cottbus die Kirche voll ist." (pro)
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