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Christian Wulff – ewig geächtet oder Chance auf Rückkehr?

Das Kapitel Bundespräsident Christian Wulff ist abgeschlossen. Aber der Mensch Christian Wulff lebt weiter. Wird er ein Geächteter bleiben? Sollte er eine Chance auf eine Rückkehr haben – in die Politik oder wenigstens in die Gesellschaft? Welche Jobperspektiven hat er?

Normalerweise sind Bundespräsidenten nach dem Ausscheiden aus dem Amt angesehene und gefragte Redner, Autoren und Schirmherren im In- und Ausland. Ihre Repräsentationspflicht wirkt gewissermaßen nach. Deshalb werden sie auch nach ihrem Ausscheiden korrekt als "Herr Bundespräsident" angeredet und erhalten keine Pension, sondern einen sogenannten "Ehrensold" auf Lebenszeit (derzeit: 199.000 Euro/Jahr) sowie ein Büro mit Personal und einen Dienstwagen mit Fahrer (Kosten: ca. 280.000 Euro/Jahr). Dies steht auch Christian Wulff zu, der mit 52 Jahren eine statistische Lebenserwartung von weiteren knapp 28 Jahren hat.

Das empört viele zu Recht: Immerhin war Wulff bislang das einzige Staatsoberhaupt in der bundesrepublikanischen Geschichte, gegen das die Staatsanwaltschaft ermittelt hat und bei dem laut Umfragen die Mehrheit der Bevölkerung für einen Rücktritt war. Es war und ist deshalb umstritten, ob Wulff einen "Ehrensold" lebenslang in voller Höhe erhalten soll, obwohl er doch in den Augen vieler "unehrenhaft" aus dem Amt geschieden war. Aber die Entscheidung ist gefallen, so dass sich Wulff zumindest finanziell keine Sorgen machen muss. Seine beruflichen Zukunftsaussichten und sein Ansehen hängen wesentlich von zwei Dingen ab: 1. vom Ausgang des Ermittlungsverfahrens gegen ihn, 2. von seinem Umgang mit seinen Fehlern.

Sollte das Ermittlungsverfahren eingestellt werden (ob mit oder ohne Bußgeld) oder ein eventuell folgendes Gerichtsverfahren mit Freispruch enden, dann ist Wulff nicht vorbestraft. In dem Fall könnte Wulff wieder in seinem früheren Beruf als Rechtsanwalt arbeiten. Selbst bei einer Verurteilung kann er je nach Strafhöhe unter Umständen seine frühere Anwaltszulassung wiedererlangen, wenngleich dies natürlich für einen Ex-Präsidenten ungewöhnlich wäre und er sicherlich auch nicht der gefragteste Ansprechpartner für mögliche Mandanten wäre.

Eine andere kurzfristige berufliche Platzierung wäre fast unmöglich. Ex-Politiker wie Alt-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) oder der frühere Außenminister Joschka Fischer (Grüne) werden gerne von Wirtschaftsunternehmen als hochbezahlte Lobbyisten beschäftigt: Sie kennen die Abläufe in der Politik und verfügen über breite Netzwerke, beides ist für Unternehmen interessant. Außerdem sind sie für Unternehmen schmückende "Aushängeschilder". Auch Wulff verfügt über die Kenntnisse politischer Abläufe und über Netzwerke. Diese dürften bei ihm allerdings deutlich weniger belastbar sein, da er aufgrund seiner Fehler und des anschließenden Umgangs damit sicherlich von vielen früheren Weggefährten künftig gemieden wird. Auch dürfte mit seinem Engagement derzeit eher ein negativer Werbeeffekt für eventuelle Arbeitgeber verbunden sein, was seinen Einsatz in herausgehobener Stellung weitgehend ausschließt. Aus denselben Gründen scheidet eine baldige Rückkehr in die aktive Politik aus.

Bleibt er also ein unbeschäftigter, fast geächteter, aus Steuergeldern alimentierter Ex-Präsident? Nicht unbedingt. Der erste wichtige Schritt zur Vorbereitung einer möglichen Rückkehr ist: Abstand. Wulff sollte – nach Abschluss des Ermittlungs- und eines eventuellen Gerichtsverfahrens – ins Ausland wechseln. Das wäre auch aus Rücksicht auf seine Kinder empfehlenswert, die sicherlich häufig negativ auf den Vater angesprochen werden. Im nicht deutschsprachigen Ausland wäre das anders. Da er seinen "Ehrensold" bekommt, steht dem Wechsel auch wirtschaftlich nichts entgegen. Vielleicht kann er sich ein Land aussuchen, in dem die Zusammenhänge seines Ausscheidens nicht bekannt oder aus kultureller Tradition anders bewertet würden. Dort könnte er als deutscher Ex-Präsident sicherlich mit mehr Anerkennung rechnen als in Deutschland selbst.

Empfehlenswert wäre dann, den räumlichen, zeitlichen und inhaltlichen Abstand zu nutzen, um ein Buch zu schreiben, in dem er sein umstrittenes Handeln komplett neu bewertet: Er müsste alles offen legen, sogar Vorgänge, die vielleicht noch gar nicht bekannt sind, müsste diese sehr selbstkritisch darstellen und deutlich als politische und moralische Fehler brandmarken. Dann müsste er Reue zeigen und die von seinem Fehlverhalten Betroffenen (niedersächsische Steuerzahler, deutsche Bevölkerung, Mitarbeiter, Medien) ernsthaft um Verzeihung bitten. Als Geste seiner Ernsthaftigkeit sollte er einen Teil seines "Ehrensoldes" zurück zahlen oder spenden. Eine solche Leuterung könnte Grundstein sein für einen Wiedereinstieg in die deutsche Gesellschaft, auch in Führungsfunktionen in Politik und Wirtschaft. Wenn noch ein zeitlicher Abstand von mehreren Jahren dazu kommt, stünde dem nichts im Wege.

Es gibt auch andere Beispiele von Politikern, die aufgrund persönlicher Fehler, sogar strafbaren Verhaltens zurück getreten sind und später in Führungsfunktionen reüssiert haben: Der frühere Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir trat 2002 von allen politischen Ämtern zurück, nachdem bekannt wurde, dass er von einem PR-Berater einen günstigen Privatkredit in Anspruch genommen hatte und dienstlich erworbene Flugbonusmeilen privat genutzt hatte. Zwei Jahre später wurde er wieder politisch aktiv und ist seit 2008 einer der beiden Bundesvorsitzenden der Grünen.

Der frühere CSU-Generalsekretär Otto Wiesheu musste 1983 zurücktreten, nachdem er unter erheblichem Alkoholeinfluss einen Rentner totgefahren hatte. Er wurde dafür wegen grob fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungs- und Geldstrafe verurteilt. Sieben Jahre später wurde er wieder politisch aktiv und war von 1993 bis 2005 sogar bayerischer Verkehrsminister. Von 2005 bis 2009 war er Vorstandsmitglied und Chef-Lobbyist der Deutschen Bahn.

VON: Karl Bratke | 19.03.2012

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Kommentare [6] >>>

  • Dr. Dr. Joachim Seeger | 09.04.2012 19:40:24

    Man sollte auch einem Christian Wulff eine zweite Chance gewähren! Jeder hat schließlich das Recht, neu anzufangen. Der Mann hat viele Fehler gemacht, daher werden seine "alten Freunde und Bekannten" auf Distanz zu ihm gehen. Ich denke, nach einer Auszeit im Ausland könnte Wulff durchaus die Möglichkeit haben, einen Job in der Wirtschaft anzutreten. Dann braucht er auch den "Ehrensold" nicht mehr in Anspruch zu nehmen.

  • Volkmar Gerber | 07.04.2012 10:34:33

    Mit seinen Ausführungen im zweiten Teil des Artikels impliziert der Autor eine 'Schuld' von Christian Wulff. Die scheint mir, wie auch immer das Ermittlungsverfahren ausgeht, nicht gegeben zu sein. Die im Raum stehenden Verfehlungen sind doch nicht wirklich substantiell. Es sind Dinge, die beispielsweise bei Herrn Wowereit, der sich ja jüngst ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt sah, nur Randnotizen ausgelöst haben. Es gilt zu verstehen, dass es eine Kampagne ist, die gegen den Bundespräsidenten aus welchen Gründen auch immer gefahren wird. Er wurde insbesondere von Herrn Diekmann, dem Chefredakteur der BILD, auf übelste Weise vorgeführt. Der Spiegel hatte ja schon seit Mitte des vergangenen Jahres wegen der Hausfinanzierung recherchiert. Die Vermutung war, dass Herr Maschmeyer das Haus finanziert hatte. Um sich zu entlasten, legte Christian Wulff der BILD den Kreditvertrag mit der Familie Geerkens vor. (Diese Leute sind im Übrigen keine Unternehmerfreunde, sondern langjährige Freunde des verstorbenen Vaters von Christian Wulff.) Die BILD behandelte die exklusive Information jedoch nicht wie vereinbart vertraulich, sondern sie ging damit an die Öffentlichkeit, um Christian Wulff der Lüge vor dem niedersächsischen Landtag zu bezichtigen. Ich denke, dass nur eine völlige Rehabilitierung dem Lebenswerk Christian Wulffs wirklich gerecht wird. Er ist ein verdienter Politiker und eine nach meiner Überzeugung absolut integere Persönlichkeit. Jeder, der Christian Wulff unterstützen möchte, kann je nach seinen individuellen Möglichkeiten weiter an der öffentlichen Meinungsbildung mitarbeiten, um so die noch offenen Entscheidungen positiv zu beeinflussen. Dazu sind insbesondere auch die freundlich gesinnten Medien aufgerufen.

  • Wolfgang H. | 03.04.2012 13:49:19

    Auch wenn ich ein entschiedener Verfechter dafür bin, dass im Rampenlicht stehende Menschen eine Vorbildfunktion haben und dieser auch gerecht werden müssen, weiß ich speziell bei Herrn Wulff nicht, wo man ihm derart harte Verfehlungen nachweisen kann. Mir kommt dies alles eher wie eine Hexenjagd der Medien vor, über deren Wahrheitsgehalt ich nichts weiter sagen kann. Man sollte sich allerdings mit Vorverurteilungen sehr zurückhalten. Und die Medien sollten nicht zur 4. Staatsmacht aufsteigen. Dazu sind sie viel zu manipulativ und unzuverlässig.

  • engelchen | 20.03.2012 14:20:45

    ... einfach ein fieser Drecksack!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Grund, nie mehr zu wählen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  • Klaus Peter S. | 19.03.2012 20:34:20

    Ein guter Freund, der bei Bayer gearbeitet hat, sagte mir einmal, dass, wenn Bayer sagen würde "alles was mir gehört, zurück zu mir", ja dann würden viele Häuser, nicht nur in Deutschland, zusammenbrechen. Seien wir doch mal ehrlich mir unserer Unehrlichkeit. Mein Vorschlag war ja, dass irgendjemand aus der Bild-Redaktion Bundespräsident werden sollte, denn dort sind nur die Guten. Ein bisschen hat das ja geklappt. Die Freundin unseres Neuen war ja bei der Zeitung in Nürnberg. Herrn Wulf wünsche ich, dass er sich nach dem Stress erstmal erholt. Ich wünsche keinem von uns Kleinen im Volke solch eine Hetzjagd, selbst wenn sich die Vorwürfe als Wahr herausstellen sollten.

  • rainer S | 19.03.2012 16:55:12

    wulff ist raus und somit hat er neue chancen verdient. man muss ihn nun nicht lebenslang jagen und hetzen.Bis zu seinem Rücktritt war es verständlich,dass sich Medien ectr. auf ihn stürzten. Nun ist Sabbat liebe Leute..Vergebung ist angesagt!

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